Eine arbuskuläre Mykorrhiza-Symbiose ist auch in hydroponischen oder erdlosen Kultursystemen grundsätzlich möglich. Das bedeutet jedoch nicht, dass jedes Mykorrhiza-Produkt einfach in jeden Wassertank geschüttet werden kann. Zwischen einem Coco-Topf, einem Steinwollblock, einer Deep-Water-Culture-Anlage und einem NFT-System bestehen erhebliche biologische und technische Unterschiede.
Arbuskuläre Mykorrhizapilze benötigen kompatible lebende Pflanzenwurzeln. Der Pilz besiedelt die Wurzel, bildet dort Austauschstrukturen und entwickelt außerhalb der Wurzel ein Myzel. In einem hydroponischen System muss deshalb nicht zwingend Erde vorhanden sein – wohl aber ein geeigneter Ort, an dem der frühe Wurzelkontakt und eine stabile Besiedelung stattfinden können.
Was bedeutet Hydroponik genau?
Hydroponik ist ein Sammelbegriff für Pflanzenkulturen ohne klassischen Boden, bei denen Nährstoffe über eine wässrige Lösung bereitgestellt werden. Dazu gehören sehr unterschiedliche Systeme:
- Substratbasierte Systeme: Coco, Steinwolle, Perlite oder andere feste Medien werden mit Nährlösung bewässert.
- Deep Water Culture (DWC): Die Wurzeln hängen überwiegend in belüfteter Nährlösung.
- Nutrient Film Technique (NFT): Ein dünner Nährlösungsfilm fließt kontinuierlich an den Wurzeln vorbei.
- Aeroponik: Frei hängende Wurzeln werden in Intervallen mit feinem Nährlösungsnebel versorgt.
- Dochtsysteme und Mischformen: Ein kleiner fester Träger verbindet die Wurzelzone mit der Nährlösung.
Die Aussage „Mykorrhiza funktioniert in Hydroponik“ ist daher zu pauschal. Die praktische Eignung muss für den Systemtyp beurteilt werden.
Kann eine Mykorrhiza-Symbiose ohne Erde entstehen?
Ja. Forschungssysteme zeigen, dass arbuskuläre Mykorrhiza auch in hydroponischen Versuchsanlagen aufgebaut werden kann. In einem sogenannten Tip-Wick-System entwickelte sich die Symbiose zunächst in einem kleinen Steinwollbereich, bevor sich Pilzhyphen in Richtung frei liegender Wurzeln ausbreiteten. Auch hydroaeroponische und substratefreie Systeme wurden zur Untersuchung oder Vermehrung arbuskulärer Mykorrhizapilze eingesetzt.
Das beweist die biologische Möglichkeit, aber nicht automatisch die Alltagstauglichkeit jedes kommerziellen Inokulums für jedes Hydro-System. Wissenschaftliche Anlagen kontrollieren Nährstoffgehalte, Sterilität, Trägermaterial und Inokulationszeitpunkt sehr genau.
Warum ist ein fester Besiedlungsbereich hilfreich?
Ein Mykorrhizapilz muss zunächst eine geeignete Wurzel erreichen. In Erde oder Coco bleiben Sporen, besiedelte Wurzelstücke und Trägermaterial in unmittelbarer Nähe zur Wurzel. In einem großen bewegten Wassertank können Partikel dagegen verdriftet, ausgefiltert oder ausgespült werden.
Ein kleiner fester Wurzelbereich bietet:
- zuverlässigeren Kontakt zwischen Inokulum und jungen Wurzeln,
- eine geschützte Zone für die frühe Kolonisierung,
- weniger Verluste durch Umwälzung und Filterung,
- geringere Gefahr, Leitungen oder Düsen mit Trägerpartikeln zu belasten.
Deshalb ist die Anwendung bei bewurzelten Jungpflanzen in Anzuchtwürfeln oder einem kleinen Substratbereich oft plausibler als die direkte Zugabe in den Haupttank.
Welche Hydro-Systeme sind am ehesten geeignet?
Substratbasierte Hydroponik
Coco, Perlite-Mischungen und Steinwollblöcke bieten einen festen Wurzelraum. Das Inokulum kann beim Einsetzen direkt an die Wurzeln gegeben werden. Die Anwendung ähnelt damit einer erdlosen Topfkultur. Einen eigenen Praxisguide gibt es unter Mykorrhiza in Coco.
Docht- und Hybrid-Systeme
Systeme mit einem kleinen festen Anzuchtbereich können eine frühe Besiedelungszone schaffen. Sobald die Wurzel mykorrhiziert ist, können Teile des extraradikalen Myzels auch in andere Bereiche wachsen.
Deep Water Culture
Eine Symbiose ist biologisch nicht ausgeschlossen, doch ein handelsübliches Pulver direkt in den Tank zu geben ist nicht automatisch sinnvoll. Dauernde Umwälzung, Sauerstoffmanagement, Filter, hohe Nährstoffverfügbarkeit und Desinfektionsstrategien beeinflussen die Etablierung. Ein vorbesiedelter Wurzelballen oder Anzuchtwürfel ist meist kontrollierbarer.
NFT
Im dünnen, schnell fließenden Nährfilm fehlt häufig ein stabiler Ort für pulverförmiges Inokulum. Zudem können Partikel Pumpen, Kanäle oder Filter belasten. Eine Inokulation während der Jungpflanzenphase vor dem Einsetzen in das NFT-System ist fachlich sinnvoller als eine unkontrollierte Tankzugabe.
Aeroponik
Auch aeroponische Systeme wurden wissenschaftlich für arbuskuläre Mykorrhizapilze genutzt. In der Praxis sind feine Düsen jedoch empfindlich gegenüber Partikeln. Zusätzlich können kurze Benetzungsintervalle, Desinfektionsmittel und die fehlende feste Trägerzone die Anwendung anspruchsvoll machen. Nur speziell dafür vorgesehene Verfahren sollten über das Sprühsystem dosiert werden.
Der richtige Zeitpunkt: vor dem Transfer statt im laufenden Tank
Für viele Systeme bietet sich folgende Strategie an:
- Steckling oder Sämling zunächst bewurzeln.
- Das Inokulum an die jungen Wurzeln beziehungsweise in den Anzuchtwürfel geben.
- Zeit für frühen Wurzelkontakt und Kolonisierung einplanen.
- Die Pflanze anschließend in das endgültige Hydro-System überführen.
Arbuskuläre Mykorrhizapilze können keine stabile Mykorrhiza mit einem vollständig wurzellosen Steckling bilden. Der ideale Moment beginnt, sobald kompatible junge Wurzeln vorhanden sind. Mehr dazu folgt im Artikel zu Stecklingen und Jungpflanzen.
Wie wirkt sich die Phosphorversorgung aus?
Hydroponische Kulturen erhalten Phosphor direkt gelöst. Bei hoher Verfügbarkeit kann die Pflanze ihren Aufbau der Mykorrhiza-Symbiose reduzieren. Studien mit hydroponisch beziehungsweise soilless kultivierten Pflanzen zeigen deshalb häufig stärkere Kolonisierung oder deutlichere Effekte unter niedrigerer Phosphorversorgung als bei hohen Konzentrationen.
Das ist kein Aufruf zur Mangelernährung. Die Nährlösung muss die Pflanze vollständig versorgen. Unnötig hohe Phosphorwerte können jedoch den biologischen Vorteil der Symbiose verringern. Die richtige Konzentration hängt von Pflanzenart, Entwicklungsphase, System und Düngerrezept ab.
Welche technischen Maßnahmen können den Pilz beeinträchtigen?
UV-Sterilisation
UV-Systeme werden eingesetzt, um Mikroorganismen in rezirkulierender Nährlösung zu reduzieren. Damit widersprechen sie grundsätzlich dem Ziel, einen lebenden Pilz im Wasserkreislauf zu erhalten.
Ozon und Wasserstoffperoxid
Oxidierende Verfahren können Mikroorganismen und Pilzstrukturen schädigen. Eine dauerhaft sterile Wurzelzonenstrategie ist mit einer biologischen Mykorrhiza-Strategie schwer vereinbar.
Fungizide
Breit wirkende Fungizide können auch den gewünschten Mykorrhizapilz treffen. Vor einer Kombination müssen Wirkstoff, Dosierung und Zeitpunkt geprüft werden.
Filter und feine Düsen
Trägerstoffe aus einem Pulver können herausgefiltert werden oder technische Komponenten belasten. MykoRitter ist ein Inokulum zur gezielten Wurzelanwendung und kein pauschaler Tankzusatz für jede Anlage.
Was kann Mykorrhiza in Hydroponik überhaupt bringen?
In Erde besteht ein wesentlicher Vorteil in der Erschließung schwer zugänglicher Nährstoffe. In Hydroponik stehen Nährstoffe häufig sofort gelöst bereit. Dadurch kann der zusätzliche Ernährungsvorteil geringer ausfallen. Studien berichten trotzdem je nach System und Isolat Veränderungen bei Wurzelarchitektur, Biomasse, Ertrag, Nährstoffaufnahme oder Pflanzenqualität.
Die Ergebnisse sind nicht einheitlich. Eine aktuelle Meta-Analyse zu Hydroponik berichtete neben positiven Ergebnissen auch zahlreiche Versuche ohne messbaren Nutzen oder mit negativen Reaktionen. Das unterstreicht, dass eine Mykorrhiza-Anwendung kein garantierter Produktionsbooster ist.
Wann lohnt sich ein Versuch?
Ein kontrollierter Versuch ist besonders plausibel, wenn:
- eine kompatible Pflanzenart kultiviert wird,
- ein fester Anzucht- oder Wurzelbereich vorhanden ist,
- keine dauerhafte oxidative Sterilisation eingesetzt wird,
- die Phosphorversorgung nicht unnötig hoch ist,
- behandelte und unbehandelte Pflanzen vergleichbar getestet werden können.
Für professionelle Kulturen ist ein kleiner Vergleichsversuch sinnvoller als die sofortige Behandlung der gesamten Anlage. Dabei sollten mindestens Wachstum, Wurzelzustand, Ertrag, Nährstoffverbrauch und technische Verträglichkeit dokumentiert werden.
Wann ist die Anwendung eher nicht sinnvoll?
- Bei Pflanzen, die keine arbuskuläre Mykorrhiza-Symbiose eingehen.
- Wenn das System dauerhaft steril gefahren wird.
- Wenn das Pulver ausschließlich über empfindliche Düsen oder Filter laufen müsste.
- Wenn kein direkter Kontakt zu lebenden Wurzeln hergestellt werden kann.
- Wenn ein sofortiger Düngeeffekt erwartet wird.
Häufige Fragen
Kann ich MykoRitter direkt in den DWC-Tank geben?
Das ist nicht die bevorzugte Standardanwendung. Das Produkt sollte direkt an geeigneten Wurzeln beziehungsweise in einem festen Anzuchtbereich eingesetzt werden. Eine Tankzugabe kann Partikel verteilen, herausfiltern oder technische Probleme verursachen.
Überlebt ein Mykorrhizapilz im Wasser?
Die Frage ist zu allgemein. Pilzstrukturen können in hydroponischen Versuchssystemen existieren und Wurzeln besiedeln. Entscheidend sind Sauerstoff, Nährstoffkonzentration, Wirtspflanze, Trägerzone und Systemführung. Das bedeutet nicht, dass jede Spore unbegrenzt frei im Tank aktiv bleibt.
Ist Hydroponik grundsätzlich zu nährstoffreich?
Nicht zwingend. Eine bedarfsgerechte Nährlösung kann mit einer Mykorrhiza-Symbiose vereinbar sein. Sehr hohe Phosphorkonzentrationen können die Kolonisierung jedoch reduzieren.
Kann die Symbiose Leitungen verstopfen?
Das intraradikale Pilzgewebe und das an der Wurzel gebundene Myzel sind nicht mit einem frei wachsenden Schleimfilm gleichzusetzen. Trägerpartikel eines ungeeigneten Pulverzusatzes können aber Filter, Tropfer oder Düsen belasten. Deshalb erfolgt die Anwendung direkt an der Wurzel.
Ist Mykorrhiza in Hydroponik besser als in Erde?
Nein. Es handelt sich um unterschiedliche Systeme. In Erde kann die Erschließung räumlich gebundener Nährstoffe besonders relevant sein. In Hydroponik hängt der Nutzen stärker von der Systemführung und der bereits sehr direkten Nährstoffversorgung ab.
Fazit
Mykorrhiza und Hydroponik schließen sich biologisch nicht aus. Eine erfolgreiche Symbiose ist auch ohne klassischen Boden möglich. Praktisch funktioniert sie am zuverlässigsten, wenn der Mykorrhizapilz früh und direkt mit kompatiblen Wurzeln in einem stabilen Anzucht- oder Substratbereich in Kontakt kommt.
MykoRitter Premium Mykorrhiza sollte daher nicht pauschal als Tankadditiv verstanden werden. Für hydroponische Kulturen ist eine gezielte Wurzelinokulation bei bewurzelten Jungpflanzen die kontrollierbarere Vorgehensweise.
Wissenschaftliche Grundlagen
- A Flexible, Low-Cost Hydroponic Co-Cultivation System for Studying Arbuscular Mycorrhiza Symbiosis
- Arbuscular Mycorrhizal Fungi Increase Nutritional Quality of Soilless Grown Lettuce
- Hydroaeroponic culture with arbuscular mycorrhizal fungi, beans and rhizobia
- Can Arbuscular Mycorrhizal Fungi Enhance Crop Productivity and Quality in Hydroponics? A Meta-Analysis